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Gesundheit braucht Kompetenz

Prof. Dr. Jens Ulrich, Chefarzt der Hautklinik am Harzklinikum, zum richtigen Verhalten nach Insektenstichen

Omas Hausmittel helfen noch heute

In diesen Tagen kommen immer häufiger Patienten in die Notaufnahmen des Harzklinikums Dorothea Christiane Erxleben in Quedlinburg und Wernigerode, nachdem sie ein Insekt gestochen hat. Ist das notwendig? Muss wirklich jeder Insektenstich ärztlich behandelt werden? Prof. Dr. Jens Ulrich, Chefarzt der Klinik für Dermatologie und Allergologie, weiß die Antworten auf diese Fragen.
Frage: Sommerzeit ist Insektenzeit: Bienen, Wespen, Mücken und Co schwirren gefühlt pausenlos um uns herum. Was ist in diesem Jahr anders, warum kommen so viele Patienten nach einem Insektenstich ins Harzklinikum?
Prof. Dr. Jens Ulrich: Wer kennt das nicht? Gemütlich bei dem aktuell schönen Wetter im Freien ein Frühstück genießen, in der Tageshitze Abkühlung im Badesee oder im Meer suchen oder abends nach dem Grillen im Garten oder auf der Terrasse den Tag ausklingen lassen. Allerdings: Nie sind wir dabei wirklich allein. Immer summt und brummt es um uns herum. Insekten konkurrieren nämlich mit uns um leckere Speisen oder unser süßes Blut steht selbst auf ihrem Speiseplan.
Ist denn der 2019er-Sommer ein Insektensommer? Das vermag ich nicht zu sagen. Ich kann dafür einschätzen: Insektenbisse sind in Deutschland in den allermeisten Fällen nur ein Ärgernis, kein Grund für den Gang in eine Notaufnahme! Die meisten Insekten, die uns befallen, beißen. Mücken, Fliegen, Bremsen, Flöhe und Wanzen tun das mit dem Ziel, Blutbestandteile von uns aufzunehmen. Dabei werden von den Insekten Speichelbestandteile in die Wunde abgesondert, auf die wir mit einer Abwehrreaktion antworten, in deren Folge es dann zu Rötung, Schwellung und auch ausgedehnteren Lokalreaktionen kommt.
Das kann allerdings durchaus schmerzhaft sein. Ganz gewiss sind diese Bisse oft schmerzhaft und die Schwellungen, die noch bis etwa zwölf Stunden nach dem Insektenbiss zunehmen können, durchaus beachtlich.
Dazu quält uns häufig noch tagelang Juckreiz an der Bissstelle. Hierbei helfen durchaus „Omas Hausmittel“ von Spucke bis Quark, besser jedoch ist eine Kühlung mittels Eiswürfel oder Kühl- Akku. Alle diese Mittel haben den gleichen Effekt: Sie lindern durch die Verdunstungskälte den Schmerz. Das trifft übrigens auch für die zahlreichen Gele aus der Apotheke zu. Diese sollten allerdings bei Kindern unter 2 Jahren nicht eingesetzt werden, weil durch die dünne Kinderhaut mehr von den Wirkstoffen ins Blut gelangen und damit im Körper zu Nebenwirkungen führen kann. Der Weg zum Arzt oder gar die Vorstellung in einer Notaufnahme sind überhaupt nicht notwendig. Rötungen und Schwellungen verschwinden spontan nach einigen Tagen. Hier ist etwas gefragt, was viele von uns offenbar nicht mehr haben: Geduld. Prof. Ulrich, Sie haben es anfangs bereits angedeutet: Nicht alle Insektenbisse sind harmlos. Wenn sich an der Bissstelle einige Tage nach dem Ereignis eine zunehmende Rötung entwickelt, der allgemeines Unwohlsein, Schüttelfrost und Fieber vorausgehen, entwickelt sich wahrscheinlich eine Wundrose (Erysipel), die zumeist nicht durch den Biss selbst, sondern häufig durch das Kratzen danach entsteht und einer Behandlung mit Antibiotika bedarf. Dann sollte die Patienten natürlich ihr Weg zum Hausarzt führen. Vom Biss zum Stich: Raten Sie auch in diesem Fall zur Geduld? Echte Insektenstiche werden uns vor allem von Bienen, Wespen oder Hornissen zugefügt. Stiche dieser Insekten müssen wir als Instrument der Selbstverteidigung der Tiere ansehen und beinhalten die Injektion von Gift. Glücklicherweise sind auch die Stiche dieser Insekten zumeist völlig harmlos und führen zu den bekannten Symptomen: Schmerzen, Rötung und Schwellung. Weniger als fünf Prozent der Bevölkerung weist jedoch eine echte Allergie gegen Insektengifte aus. Bei diesen Personen können schwere, auch lebensbedrohliche Reaktionen auftreten. Gefährlich kann es auch werden, wenn mehrere Insekten gleichzeitig stechen oder versehentlich verschluckt werden und dann im Bereich der Mundschleimhaut zustechen. Was raten Sie als Experte in solchen Fällen? Nach einem Stichereignis sollten das Insekt bzw. der Stachel so schnell wie möglich von der Haut entfernt werden. Abspülen mit kaltem Wasser und anschließend weitere Kühlung und gegebenenfalls das Hochlagern der Beine sind sinnvoll. Ein Arztbesuch ist nach einem einfachen Stich auf jeden Fall entbehrlich. Sollten jedoch Symptome auftreten, die über eine lokale Reaktionen hinausgehen, wie Ausschlag am Körper (Nesselsucht), Rötung und Schwellungen abseits der Stichstelle, Heiserkeit, Luftnot, Schwindel, Herz-Kreislaufprobleme, sollte sofort der Notarzt verständigt werden. Nach der Erstversorgung ist dann im Intervall unbedingt eine Diagnostik zu empfehlen, mit dem Ziel, eine echte Insektengiftallergie ausschließen zu können. Lässt sich diese allerdings nachweisen, wird ein sogenanntes Medikamenten-Notfallset verordnet, das Betroffene immer bei sich tragen müssen. Mit der Hyposensibilisierung, das ist eine Art Impfung, steht ein sehr wirksames Verfahren zur Therapie von Insektengiftallergien zur Verfügung. Die Behandlung dauert allerdings drei bis fünf Jahre. Prof. Dr. Ulrich, wie lautet Ihr Tipp zum sorgenfreien Aufenthalt im Freien? Der beste Schutz gegen Insektenstiche bleibt, besonnen auf die Begegnung mit den Insekten zu reagieren. Zudem sollten wir vor allem im Freien Vorsicht beim Essen und Trinken walten lassen. dann können wir weitere schöne Sommerstunden genießen.

Prof. Dr. Jens Ulrich, Chefarzt der Klinik für Derma- tologie und Allergologie am Harzklinikum Dorothea Christiane Erx- leben Dorothea Christiane Erxleben Foto: Harzklinikum